18.9.20 22 -0:00 klingding radio • Feature: blurred edges Festival 15. -29.10.20, Programm, Tracks • FSK 93,0 Mhz

Freitag 18. September 2020 22.00 – 0.00
klingding radio FSK 93.0/101.4 mhz, Stream www.fsk-hh.org

blurred edges 2020 Feature
– mit dem blurred edges Festival Programm
15.10 – 29.10.2020

und Tracks von:
Thierry Madiot, Neo Hülcker / Sprechbohrer, Hans Schüttler, EMA Ensemble,
The International Nothing, Seiji Morimoto, Eva-Maria Huoben, Fritz Hauser u.a.

Das blurred edges Festival beginnt am 15.10.20 um 20 Uhr mit dem Opening concert – 6 sets im MS Stubnitz.
Das Programm des Festivals ist nach der Corona bedingten Verschiebung von Ende Mai in den Oktober etwas komprimierter: 
33 Veranstaltungen, 15 Tage, 20 Orte in Hamburg.

„Wie jedes Jahr praktizieren wir radikale Selbstbestimmung:  alle Hamburger Kulturschaffenden, die mit experimenteller Musik im weitesten Sinne zu tun haben, konnten eine Veranstaltung vorschlagen.
Das Resultat ist ein Kaleidoskop aus Komposition, freier und Konzept-Improvisation,
Klanginstallationen und Performances, monomedial oder multimedial,
solo oder in größeren Ensembles, zusammengekommen für den Anlass oder schon lange zusammen arbeitend.

Das Publikum kann auf seinen Streifzügen durch das zweiwöchige Programm neben
den eingeladenen internationalen Gästen auch die Vielfalt der Hamburger freien Musikszene
erfahren und gleichzeitig Hamburgs diverse Kulturorte neu kennen lernen:
Galerien und Kunsträume, Theater und Clubs, Kirchen und Kinos, bekannte und weniger bekannte.

Den Auftakt macht die MS Stubnitz: der schicken Hafencity trotzend geben wir dort im Bauch des Kulturschiffs einen Einblick in das,
was blurred edges als Festival auszeichnet: experimentelle Musik jenseits des Mainstreams und jenseits von Genregrenzen.“

>>> das Programm des blurred edges 2020 Festivals >>>

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klingding • Radiosendung für aktuelle Musik
jeden 3. Freitag im Monat von 22. – 0.00 Uhr
Freies Senderkombinat Hamburg 93.0/101.4 mhz, Stream

21.8.20 – 22 – 0:00 klingding radio • Feature #2: Online Musicking – Interviews, Tracks • FSK 93,0 Mhz

Freitag 21. August 2020 22.00 – 0.00
klingding radio FSK 93.0/101.4 mhz, Stream www.fsk-hh.org

Feature #2: Online Musicking Call des Verbands für aktuelle Musik Hamburg

Studiogäste: Laura Gericke, Krischa Weber

Anfang Mai 20 lud der Verband für aktuelle Musik Hamburg ein zum Online Musicking Call,“ damit wir weiterhin sichtbar / hörbar bleiben und als Warm-up für das auf den 16. – 29. Oktober 2020 verschobene blurred edges Festival 2020″.

Nahezu alle der 24 gewählten Projekten sind inzwischen online, in verschiedenen Formaten:

das audio pre-release einer Szene der Oper „Humans must go“ die am 29.10.20 bei blurred edges aufgeführt wird – General Arka, Chad Ch. Popple, Remi Marie, Yidi Tsao, Yanomami Schamanen 
+
„ich tät hörstück schreiben“ – eben das oder gerade nicht, Musik und Erzählung – Laura Gericke, Roland Wendling

Radiophonische Lesungen über Noise u.a. von David Wallraf und Frans de Waard / tbc_czepoks
+
eine soundcollage mit Aufnahmen der Bille Kanäle, Stimme, experimentellen Sounds in „Aqua_Industrial“
– Bendrik Grossterlinden
+
die akustische Wiederaufbereitung weggeworfener Samples in „killed darlings“ von Philipp Krebs 
+
ein Livestream „sonopol“ Konzert mit Ignaz Schick + Christoph Funabashi
+
Online Improvisationen mit Videoanimationen in „Diaries of a Quarantine“ – Marco Bussi, Pietro Frigato. Giulio Giani, Vlatko Kucan, Daniel Savio
+
die John Cage Komposition „The Wonderful Widow of Eighteen Springs“ als Kurzfilm mit Pia Davila, Hannes Franzen und Dong Zhou
+
als Album mit vier Versionen der graphischen Notation „Dec‘ 52“ von Earle Brown –  Ensemble EMN mit Christoph Funabashi, Kris Kuldkepp, Felix Mayer, Heiner Metzger

Videoarbeiten

als one woman show im Videoblog „Little Miss Freedman’s Variety Show #4“, Philosophie, Big Tunes, Karaoke + Aerobic Dance by Naana Freedman

fast dokumentarisch im Videobeitrag „First Murder“ von Tintin Patrone und Tim Huys über einen Unterkieferknochen – als Quijada Perkussionsinstrument und als Waffe beim biblischen Brudermord
+
eher assoziativ beim blumigen „Aus unserem Poesiealbum“ von Mathias Will, Krischa Weber
+
als videographische Probendokumention bei „Disdance“ des TonArt Ensembles mit der rumänischen Tänzerin Nicoleta Demian
+
die situative Raum / Körperperformance „Liebe Freunde“ von Jule Heinzelmann, Felix Mayer
+
als Stimm + Requisiten Performance aus dem Archivschrank „Wenn schon zu Hause, dann privat“- Frauke Aulbert
+
ein instrumentierter Waldspaziergang mit Freund*innen und woodrecordings in „lockdown landscapes“ – Konzept: Elena Victoria Pastor
+
die Videosinzenierung „Lichtmaschine“ zu einem Track von René Huthwelker, Helge Meyer, Carl-John Hoffmann

alle Online Musicking Call Projekte auf der VAMH website >>
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Diese klingding Sendung ist ein Projekt des Online Musicking Call Mai / Juni 2020
des Verbands für aktuelle Musik Hamburg (VAMH),
gefördert von der Behörde für Kultur und Medien Hamburg.

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17.7.20 22 – 0:00 klingding radio • Feature #2: Russudan Meipariani • FSK 93,0 Mhz

Freitag 17. Juli 2020 22.00 – 0.00
klingding radio FSK 93.0/101.4 mhz, Stream www.fsk-hh.org

Feature #2:
die georgische Musikerin Russudan Meipariani
vorgestellt von Gerd Vierkötter, mit neuen Tracks.
Russudans Musik ist inspiriert  von georgischer und skandinavischer Folklore
von Klassik, Rock, minimal music, Neuer und Alter Musik.

Nach Abschluss ihres Klavierstudiums am Tifliser Konservatorium 1999 ging sie nach Deutschland,
wo sie bis 2004 bei Wolfgang Rihm und Sandeep Bhagwati an der Musikhochschule Karlsruhe
Komposition studierte.

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dec52 • one, two, three, four mixes of dec 52

DEC52’ offers a new version for the Earl Brown’s famous graphical score December 1952. The concept is driven by the current situation, of not being able to rehearse properly with the ensemble. Even though the internet offers possibilities to meet, there are always problems with timing, misunderstandings and, freezing. Therefore, DEC52’ tries to deal exactly with these peculiar online-particularities. 
It is 4 musicians, in their homes, with their sounds and their time. The only predetermined agreement is that the piece lasts in total 5min 20s and every player records his/her own version at their home. As there are 30 characters in total in the score, each recording consists of 30 sounds, and 4 people have 4 different interpretations of these 30 signs. Then the 4 versions, that are completely separated — conceptually, visually, musically — were mixed together and uploaded. 
As the playing as well as mixing can be relatively different, depending on the player’s perception, the 4 different versions of the same piece are presented here. Even though completely personal at the individual player’s perspective, the project deals with the impersonality that internet and network often represents. 
Virtual body, without having a physical one, makes also the players to play perhaps more freely or oppositely, more restricted. In following, this situation gets rather strange, as musicians have lost the one thing that really matters in making music together — listening to each other.

EMN:
Christoph Funabashi: 12 string acoustic guitar, fx 
Kris Kuldkepp: double bass 
Felix Mayer: trombone 
Heiner Metzger: bass clarinet 

Track one mixed by Heiner Metzger, 
Track two mixed by Felix Mayer, 
Track three mixed by Christoph Funabashi, 
Track four mixed by Kris Kuldkepp 


A project of the Online Musicking Call May / June 2020 of Verband für aktuelle Musik Hamburg. 
Funded by – Behörde für Kultur und Medien Hamburg. 
Further projects:  www.vamh.de/index.php?what=online&year=2020&month=06  

19.6.20 22- 0:00 Uhr klingding radio • Feature: Online Musicking – Interviews, Tracks • FSK 93,0 Mhz

Freitag 19. Juni 2020 22.00 – 0.00
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Feature: Online Musicking Call des Verbands für aktuelle Musik Hamburg

Studiogäste: Kerstin Petersen, Roland Wendling

Anfang Mai lud der VAMH ein zum Online Musicking Call, “ damit wir weiterhin sichtbar/hörbar bleiben
und als Warm-up für das verschobene blurred edges Festival 2020″.
Von den 24 gewählten Projekten sind inzwischen online:

•  Roland Wendling aka Fakt begann mit einem online release „Oden an Onan 

•  Kerstin Petersen im Duo mit Eva Zöllner mit „so – oder soo? A&O in schwankender Stimmung“,

•   Eight contemplations on René Magritte 3D animation& electronic by Michail Goleminov,
Improvisation by Daria-Karmina Iossifova prepared piano, toy piano

• „Harmonie“ in zwei Videoarbeiten von Shiwan Wang: Painting, Fixed Media und Dong Zhou: Live Musik

• 27. 6. 20 – 16:00 online: Little Miss Freedman’s Variety Show #4 


weitere Online Musicking Call Projekte bald auf der VAMH website >>
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Diese klingding Sendung ist ein Projekt des Online Musicking Call Mai / Juni 2020
des Verbands für aktuelle Musik Hamburg (VAMH),
gefördert von der Behörde für Kultur und Medien Hamburg.

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jeden 3. Freitag im Monat von 22. – 0.00 Uhr
Freies Senderkombinat Hamburg 93.0/101.4 mhz, Stream

Vérification de l’ombre • neue Bilder von Judith Haman

Vérification de l’ombre
eine Bilderserie von Judith Haman
Mai 2020
Tempera auf Papier
25 – 30 cm x 25 cm

Vérification de l’ombre
eine Bilderserie von Judith Haman
Mai 2020
Tempera auf Papier
25 – 30 cm x 25 cm
Preis pro Bild: 130.- € , mit Rahmen 150.- €

Bei Interesse senden Sie gerne eine Mail an Judith Haman: moxnox[at]hierunda.de
Wir senden Ihnen das Bild mit beiliegender Rechnung

15.5.20 – 22:00  klingding radio • Feature: Russudan Meipariani + Tracks • FSK 93,0 Mhz

Freitag 15. Mai 2020 22.00 – 0.00
klingding radio FSK 93.0/101.4 mhz, Stream www.fsk-hh.org

Die georgische Musikerin Russudan Meipariani, vorgestellt von Gerd Vierkötter.
Russudans Musik ist inspiriert  von georgischer und skandinavischer Folklore
von Klassik, Rock, minimal music, Neuer und Alter Musik.
Nach Abschluss ihres Klavierstudiums am Tifliser Konservatorium 1999
ging sie nach Deutschland, wo sie bis 2004 bei Wolfgang Rihm
und Sandeep Bhagwati an der Musikhochschule Karlsruhe Komposition studierte.
+
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In der zweiten Stunde
Tracks von:
Isabel Duthoit, Sophie Agnel, Angélica Castelló
Jean Dubuffet, Alvin Curran, Evapori, Cem Güney
Malvern Brume, Susanna Gartmayer
Agnes Hvizdalek, Jakob Schneidewind
Joachim Deville, Thomas Olbrechts und Stefan Prins
… präsentiert von Heiner Metzger
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klingding • Radiosendung für aktuelle Musik
jeden 3. Freitag im Monat von 22. – 0.00 Uhr
Freies Senderkombinat Hamburg 93.0/101.4 mhz, Stream

Corona Papers #1: Bote und Botschaft ohne Körper

CORONA-PAPERS #1

Bote und Botschaft ohne Körper

Dies Bild fand Peter Weibel (ZKM Karlsruhe) in seinem Interview über die Auswirkungen der Corona-Krise.

Aus: Max Weber (1864-1920),  Diagnose der Moderne

„Es ist keinesfalls abwegig zu behaupten, daß die Auslöschung der Menschen mit dem Auslöschen der Keime beginnt, denn so wie er nun einmal ist, mit seinen Launen, seinen Leidenschaften, seinem Lachen, seiner Sexualität, seinen Ausscheidungen, ist der Mensch selbst nichts als ein dreckiger kleiner irrationaler Virus, der das Universum der Transparenz stört.
Wenn alles ausgemerzt ist, wenn der Virenentwicklung und jeglicher Ansteckung durch das Soziale oder durch Bazillen Einhalt geboten ist, dann wird, in einem Universum tödlicher Sauberkeit und Verfälschung, nur noch der Virus der Traurigkeit übrig bleiben.“

Aus: Michel Foucault, Die Geburt der Klinik, 1963, Kapitel 2: Ein politisches Bewusstsein 

„Epidemische Krankheiten nennt man alle jene Krankheiten, die eine große Anzahl von Personen zur selben Zeit mit denselben Symptomen befallen. Es gibt also keine Natur- oder Artdifferenz zwischen einer individuellen Krankheit und einem epidemischen Phänomen.
Es genügt, daß ein sporadisches Leiden gehäuft auftritt, dann ist es eine Epidemie. Es handelt sich um ein rein arithmetisches Problem der „Schwelle“: das Sporadische ist nur eine unterschwellige Epidemie. Wir haben es nicht mehr mit einer Wahrnehmung von Wesenheiten und Ordnungen zu tun wie in der Medizin der Arten, sondern mit einer Wahrnehmung von Größen und Zahlen.
Der Anhaltspunkt dieser Wahrnehmung ist nicht ein spezifischer Typ, sondern eine Verknotung von Umständen. Die vertrauten pathologischen Formen werden zitiert, um ein komplexes Spiel von Überkreuzungen zu bilden, etwa so wie Symptome eine Krankheit konstituieren. Der wesentliche Grund aber ist der Augenblick, der Ort, die scharfe, stechende, dünne schneidende Luft, die im Winter an diesen Orten herrscht.

Die Regelmäßigkeit der Symptome läßt keine Weisheit einer natürlichen Ordnung durchscheinen. Sie spricht nur von der Konstante der Ursachen, von der Hartnäckigkeit eines globalen Drucks, der eine bestimmte Krankheit hervorruft. Bald handelt es sich um eine Ursache, die längere Zeit anhält. Bald handelt es sich um Ursachen, die mit einem Schlag am selben Ort eine große Anzahl von Menschen angreifen, und zwar ohne Unterschied des Alters, des Geschlechts und des Temperaments.
Sie stellen die Tätigkeit einer allgemeinen Ursache dar, diese ist aber als rein zufällig zu betrachten, da die von ihr hervorgerufenen Krankheiten nur eine bestimmte Zeit herrschen. Man muß nicht erstaunt sein, daß sich die Krankheit trotz der großen Verschiedenheit der betroffenen Personen, ihrer Anlagen und ihres Alters, bei allen in denselben Symptomen zeigt. Das kommt daher, daß die Trockenheit oder die Feuchtigkeit, die Hitze oder die Kälte, sobald sich ihre Tätigkeit etwas ausweitet, eines unserer konstitutiven Elemente – Alkali – Salz – Phlogiston – zur Vorherrschaft bringt „dann sind wir den Wirkungen ausgesetzt, die dieses Element hervorruft, und diese Wirkungen sind notwendigerweise dieselben für die verschiedenen Personen.

Die Analyse einer Epidemie stellt sich nicht die Aufgabe, die allgemeine Form der Krankheit zu erkennen, indem sie ihr im abstrakten Raum der Nosologie (systematische Beschreibung von Krankheiten) einen Platz anweist. Sie will vielmehr unterhalb der allgemeinen Zeichen dem besonderen Prozess auf die Spur kommen, der je nach den Umständen von einer Epidemie zur anderen variiert, der von der Ursache der Krankheit zu ihrer Form einen Faden zieht, welcher allen Kranken gemeinsam ist, aber nur an diesem Raumzeitpunkt vorkommt. Während sich die artbestimmte Krankheit immer – mehr oder weniger – wiederholt, wiederholt sich die Epidemie niemals.

In dieser Wahrnehmungsstruktur kommt dem Problem der Ansteckung relativ wenig Bedeutung zu. Die Übertragung von einem Individuum auf ein anderes ist in keinem Fall das Wesen der Epidemie.
Sie kann zwar in der Form des „Miasmas“ (Verunreinigung, Ansteckung, krankheitsverursachende Materie), die durch faulige Prozesse in Luft und Wasser entsteht oder des „Gärungsstoffes“, der sich durch die Nahrungsmittel, durch die Berührung, durch den Wind, durch die umgebende Luft ausbreitet, eine Ursache der Epidemie bilden, sei es eine direkte und erste (wenn sie die einzige tätige Ursache ist), sei es eine zweite Ursache (wenn in einer Stadt oder in einem Spital das Miasma das Produkt einer epidemischen Krankheit ist, die von einem anderen Faktor hervorgerufen wurde).
Aber die Ansteckung ist nur eine Modalität des massiven Faktums der Epidemie.
Ob sie nun ansteckend ist oder nicht – die Epidemie hat eine Art historischer Individualität. Daher erfordert sie eine komplexe Beobachtungsmethode: man muß das Ereignis im Detail beschreiben, in Zusammenhang stellen, den die Wahrnehmung durch verschiedene Personen einschließt. Überschneidungen der Perspektiven, wiederholten und korrigierten Informationen.
Aber diese Erfahrungsweise kann ihre volle Bedeutung nur erhalten, wenn sie von zwingenden Maßnahmen ständig begleitet wird. Es kann keine Medizin der Epidemien geben, die nicht durch die Polizei ergänzt wird: man muß die Bergwerke und die Friedhöfe überwachen, man muß möglichst oft die Einäscherung der Leichen anstatt ihrer Beerdigung erreichen; man muß den Handel mit Brot, Wein und Fleisch kontrollieren; man muß den Schlachthäusern und den Färbereien Verordnungen auferlegen, man muß die ungesunden Wohnungen verbieten.
Nach einer detaillierten Untersuchung des gesamten Territoriums müßte man für jede Provinz eine Gesundheitsverordnung erlassen, die „bei der Predigt oder in der Messe alle Sonn- und Feiertage zu verlesen wäre und die Art beträfe, in der man sich ernährt und kleidet, wie man Krankheiten vermeidet, wie man herrschenden Krankheiten vorbeugt und wie man sie heilt. usw.usw.

Schließlich müßte man einen Stab von Gesundheitsinspektoren schaffen, die man auf verschiedene Provinzen verteilen könnte, indem man jedem ein bestimmtes Gebiet zuweist. Hier würde er medizinische Beobachtungen anstellen, aber auch solche, die sich auf die Physik, Chemie, Naturgeschichte, Topographie und Astronomie beziehen.
Er würde die notwendigen Maßnahmen anordnen und die Arbeit des Arztes kontrollieren.
Es wäre zu wünschen, daß es sich der Staat zur Aufgabe machte, diesen Ärzten das Auskommen zu sichern, und daß er die Auslagen übernähme, die die Neigung zu nützlicher Entdeckertätigkeit mit sich bringt.

Die Medizin der Epidemien widersetzt sich einer Medizin der Klassen ebenso, wie sich die kollektive Wahrnehmung eines globalen aber einzigen und sich niemals wiederholenden Phänomens von der individuellen Wahrnehmung abhebt, in der eine Wesenheit trotz der Vielfalt der Phänomene ständig als identisch erscheint.
In dem einen handelt es sich um die Analyse einer Serie, in dem anderen um die Entzifferung eines Typs; bei den Epidemien geht es um die Integration der Zeit und um die  Feststellung einer Kausalitätsbeziehung, bei den Arten um die Definition einer hierarchischen Stellung und um die Auffindung einer wesenhaften Kohärenz; handelt es sich hier um die nuancierte Wahrnehmung eines komplexen historischen und geographischen Raumes, so geht es dort um die Definition einer homogenen Ebene, auf der Analogien abzulesen sind.
Aber letzten Endes, wenn es sich um die tertiäre Konfiguration handelt, die die Krankheit, die medizinische Erfahrung und die Kontrolle des Arztes auf die gesellschaftlichen Strukturen bezieht, finden sich die Pathologie der Epidemien und die der Arten vor denselben Anforderungen, nämlich vor der Notwendigkeit, einen politischen Status der Medizin zu definieren und auf Staatsebene ein medizinisches Bewusstsein herzustellen, mit der Aufgabe ständiger Information, Kontrolle und Zwangsdurchsetzung.
All diese Dinge betreffen eben so sehr die Polizei, wie sie in den eigentlichen Bereich der Medizin gehört.“

Der tiefere Grund der Epidemie ist danach nicht die Pest oder Corona, es ist Marseille im Jahre 1721 oder Italien, China, Spanien, USA, Deutschland und die ganze Welt im Jahre 2020.

Wie können wir daran weiterdenken: nach Foucaults Ausführungen in „Wahnsinn und Gesellschaft“, nach „Überwachen und Strafen“, und hier die Forderung, einen politischen Status der Medizin zu definieren und auf Staatsebene ein medizinisches Bewusstsein herzustellen, mit der Aufgabe ständiger Information, Kontrolle und Zwangsdurchsetzung.

Eine Normalisierungsgesellschaft ist der historische Effekt einer auf das Leben gerichteten Machttechnologie.

April 2020, Judith Haman

dazu auch: Foucault II: Der Virus und die Biopolitik/-macht
in dem Blog diebresche
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ein Gastkommentar von Giorgio Agamben:
Giorgio Agamben zum Umgang der liberalen Demokratien mit dem Coronavirus: Ich hätte da eine Frage

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